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Pyromantie

oder das Deuten aus Feuer

Vom "heiligen" Feuer erwarteten die Menschen sich Visionen und wer schon einmal vor einem Feuer gesessen und in die Flammen gesehen hat, wird dies sehr leicht verstehen.

"Das vom Kamin umrahmte Feuer verleitete die Menschen dazu, in Träumerein zu verfallen. Es war für sie zugleich das Symbol für Entspannung und die Einladung zum Ausruhen. Es fällt in der Tat schwer, sich eine Philosopie der Ruhe vorzustellen, ohne daß diese vor loderndem Kaminholz genossen wird. Außerdem: Wer nicht vor dem Kamin in Träumereien verfällt, verpaßt den echt menschlichen, wichtigsten Zweck des Feuers.

Das Feuer wärmt und tröstet. Aber den vollen Komfort des Feuers genießt nur, wer das Kinn in die Hände und die Ellbogen auf die Knie liegt. Diese Stellung reicht bis weit in die Vergangenheit zurück. In der Nähe des Feuers nimmt ein Kind sie ganz natürlich ein. Nicht umsonst ist sie die Stellung des Denkers. Sie definiert eine besondere Art der Aufmerksamkeit, die mit Wachsamkeit oder Beobachtung nicht das Geringste zu tun hat. Sehr selten wird sie für irgendeine andere Art der Betrachtung benutzt." (Gaston Bachelard, Die Psychoanalyse des Feuers, Gallimand, 1972).

Kraft und Zauber des Feuers

Feuer ist überall, in uns und um uns herum, sichtbar und unsichtbar. Es ist schöpferisch und destruktiv, regenerativ und reinigend. Das Feuer kommt vom Himmel: Sonnenstrahlen, die die Erde erwärmen, aber den Wald in Brand setzen können, Blitzschläge, die über den Himmel schießen, und Donnerkeile, die vom Himmel herunterfahren. Vielleicht gab es mal brennende Meteoriten, die der Mensch vor langer Zeit vom Himmel fallen sah und für Feuerbälle hielt. Feuer wird auch von der Erde selbst ausgespien - durch Vulkane. Es befindet sich sogar im Menschen, der vor Fieber brennt.

Einigkeit besteht darüber, daß die Beherrschung des Feuers eine fundamentale Stufe in der menschlichen Entwicklung darstellte, vielleicht sogar eine so wichtige wie der Übergang vom vierbeinigen zum aufrechten Gang. In beiden Fällen änderte sich die Sicht der Welt und der Rolle, die der Mensch in ihr spielen könnte und sollte. Im Pleistozän oder Eiszeitalter soll der Homo erectus vor ca. 500.000 Jahren das Feuer - ohne jeden Zweifel aus rein praktischen Gründen - bezwungen haben. Vielleicht machte er sich das natürliche Feuer zunutze, das sich aus einem Unterholzbrand ergab, welches er wieder anfachte, indem er in die heiße Asche pustete. Die Paläontologen meinen, daß er sich das Feuer in erster Linie aus kulinarischen Gründen zunutze machte. Das kann gut sein. Für den Menschen waren die nützlichen und die magischen, die übernatürlichen oder göttlichen Wesenszüge der Elemente keineswegs inkompatibel. Er scheint sogar stets gedacht zu haben, daß die Macht, die er ausüben konnte, um sich das Leben einfacher und angenehmer zu machen (von Komfort wollen wir noch nicht sprechen), etwas Wunderbares war, eine außerordentliche Gabe, die er den Göttern verdankte.

Für unsere Vorfahren gingen Pragmatisches und Übernatürliches, ob weit voneinander entfernt oder nicht, stets Hand in Hand. Zugeben muß man, daß das Feuer ein schier faszinierendes Element ist, das anregt und beruhigt, aber wegen der Verwüstung, die es anzurichten vermag, auch Entsetzen auslöst. Trotz aller Werkzeuge läßt sich gegen die Elemente Feuer und Wasser nichts machen, wenn sie sich austoben. Und wir sind uns dessen sehr wohl bewußt. Sie lösen in uns nach wie vor unausgesprochene Ängste aus, die wir uns umsonst auszutreiben versuchen.

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